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Die Premiere

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Dank des Tipps einer Bekannten hatte ich mir den neu eröffneten Hof Egilsstaðir1 unter deutsch-isländischer Leitung in der Nähe von Selfoss im Südwesten der Insel für meinen ersten Island-Aufenthalt ausgesucht. Reiten plus Besichtigungen, schöne Lage und familiäre Führung ließen mich voller Vorfreude in den Urlaub starten. Soviel vorweg: Die Erwartungen wurden nicht enttäuscht, sondern eher noch übertroffen.
Am 14. Juni war es endlich soweit und ich kam am frühen Nachmittag am Flughafen Keflavík bei Reykjavik an. Christiane Grossklaus stand zusammen mit Tochter Anna schon am Flughafen bereit um mich abzuholen und los ging’s auf die ca. 1,5 stündige Fahrt zur Farm. Hatte es zu Beginn noch von einem grau verhangenen Himmel genieselt (“Wieso fährst du eigentlich nach Island, da ist doch dauernd schlechtes Wetter?”), klarte es nach überqueren der Hügelkette Richtung Selfoss immer mehr auf und die Sonne kam raus.
Dies sollte sich während des gesamten Urlaubs übrigens so gut wie nicht mehr ändern. Das bedeutet um diese Jahreszeit in Island fast 24 Stunden am Tag Sonne. Teilweise stiegen die Temperaturen sogar bis auf über 20 °C an und Sonnenbaden war angesagt! Wer sagt jetzt noch, in Island regnet es nur???
Auf der Fahrt konnte ich schon die ersten Eindrücke der isländischen Landschaft sammeln. So hatte ich es mir vorgestellt: Viel, viel Platz, einzelne verstreute Höfe UND: Überall Island-Pferde auf weitläufigen Weiden. Besonders schön waren natürlich die im Juni zahlreichen Fohlen mit ihren Müttern anzusehen.
Schliesslich wurde ein letzter Hügel überquert, über ein weiteres Bodengitter auf der Strasse, das unternehmungslustige Schafe von allzu weiten Ausflügen abhalten soll, gefahren und endlich hiess es: „Hier fängt unser Land an.“ Und dann hatte ich es vor mir: Das Wohnhaus,
das Sommerhaus, die Weiden, die Stallungen und die Isi-Herde - das alles vor der beeindruckenden Kulisse des Flusses Þjórsá und des Vulkans Hekla.
Im Haus erwarteten uns bereits Praktikantin Lea, die kleine Klara und Border-Collie Birta sowie selbstgebackener Kuchen und Kaffee - netter Empfang!
Die Frage, ob ich nach dem Kaffee und Bezug meines gemütlichen Zimmers reiten wolle, konnte ich nur mit einem eindeutigen “JA!” beantworten.
Für den ersten Ritt wurde Verlass-Pferd Frosti (Bedeutung: Name eines Zwerges, Sohn des Urriesen Kari) ausgesucht - ein kleiner Schimmel und absolut sicherer Tölter. Ein kleines Stück die (fast unbefahrene) Strasse entlang, im Schritt und Tölt runter zum Fluss und wieder zurück zur Farm. Der erste Ritt war erfolgreich absolviert und machte Lust auf mehr. Nur Christiane hatte es einen gehörigen Schrecken eingejagt, als sie beim Blick aus dem Küchenfenster plötzlich einen reiterlosen Schimmel herumlaufen sah: „Oh je, Frosti ist doch das sicherste Pferd, was ist denn nur passiert, wen soll ich Sabine denn sonst geben?“ Aber mein Frosti war’s glücklicherweise nicht, sondern nur ein Nachbar-Pferd, das alleine einen Ausflug machte.

Auf den ersten Ausritt folgten zu meiner ziemlich großen Begeisterung noch sehr viele weitere, da ich zu dieser Zeit der erste und einzige Gast auf Egilsstadir1 war. Die große “Gästewelle”, u.a. zum Landsmót sollte erst eine Woche nach meiner Abreise beginnen. So hatte ich das Vergnügen, viele unterschiedlichste Pferde reiten zu können - manchmal bis zu Drei am Tag. Christiane’s Kommentar: “Willst du wirklich nochmal reiten? Hast du eine Ausdauer.“ Und da die Pferde sowieso alle bewegt werden und Kondition bekommen sollten ....
Zu Frosti gesellten sich also die junge unerfahrene Stute Fiðla (Geige), die mit jedem Ritt sicherer wurde und flotter und lockerer töltete - einer meiner Lieblinge. Dann kam der erfahrene, lauffreudige Wallach Ljúfur (der Liebe/Sanfte). Als ein besonderes Highlight durfte ich Christiane’s Wallach Blossi (der Glänzende) reiten, der am langen Zügel flott, mit viel Aktion und butterweich zu tölten war - ein Erlebnis! Ausserdem Senior-Wallach Tóti (Abkürzung für Thórarinn), laut Óli ein Viking-Horse und echter Power-Tölter. Einweisung: “Immer Verbindung halten, Beine weg und keine Angst wegen des Tempos bekommen. Er rennt dir nicht weg.” Óli’s Kommentar, als ich mich nach ein paar Minuten auf Tóti eingestellt hatte und wir neben Óli auf Ófeigur herflitzten “Now you feel like you are winning the race!” war absolut nicht übertrieben! Geschwindigkeit pur, aber immer kontrollierbar. Last but not least waren da noch die hübsche schwarze Stute Lukka (Glück), die sensible und feine Dalía und natürlich mein zweiter Favorit, der Fuchsschecke Prins, ein kleiner übermütiger Wallach, der ebenfalls weich und locker am langen Zügel zu tölten war.
Die Ausritte führten mal länger, mal kürzer über Feld-, Sand- und Wiesenwege, zum Fluss, einem in der Nähe gelegenen Wasserfall oder sonst in die wunderschöne nähere Umgebung. Einmal war auch ein Picknick dabei. Einen Tagesritt unternahmen wir zu einer Farm an der Mündung des Flusses Þjórsá. Dort blieben die Pferde über Nacht und am nächsten Morgen ging’s weiter zum Meer mit seinem ungewöhnlichen schwarzen Sandstrand. Wieder einer der vielen Höhepunkte dieses einmaligen Urlaubs!
Geritten wurde in Gruppen von zwei (nur Lea und ich) bis zu sechs oder acht Reitern, wenn Nachbarn oder Freunde, die über’s Wochenende zu Besuch kamen, mit dabei waren. Die Ausritte zeichneten sich neben dem hohen Spaßfaktor stets durch die Rücksichtnahme auf alle Reiter und Pferde aus. So gab es bei längeren Ausritten immer Pausen für die Pferde und auch Hilfestellungen für weniger erfahrene Reiter waren selbstverständlich. Ausserdem konnte man von Tipps, die Christiane oder Óli gaben, profitieren.

Auch wenn es kaum zu glauben ist, war neben den vielen unvergesslichen Ausritten auch noch Zeit für Anderes. Zunächst natürlich die wesentlichen Dinge des Lebens: Essen und Faulenzen
Die meistens vier Mahlzeiten waren immer alle sehr abwechslungsreich und reichhaltig und beinhalteten eine Mischung aus deutscher und isländischer Küche. Nach dem ausführlichen Frühstück hatten wir mittags, da wir viel unterwegs waren, meistens Lunchpakete, für die sich jeder Brote nach seinem Geschmack machte, auf der Farm eine Suppe oder auch z.B. mal Spaghetti mit Pesto und Salat. Zum Kaffee bekam man isländische Kekse, meist selbstgebackenen Kuchen - besonders der Apfelkuchen war der Hit - oder isländischen Schokoladenkuchen, damit man bis zum Abendessen nicht verhungerte. Letzteres war dann die ausführlichste Mahlzeit des Tages mit verschiedenen leckeren Fischgerichten, Lamm, Fleischklösschen etc. Witzig fand ich, dass zu jedem Essen eine “Drei-Konserven-Kombination” auf den Tisch kam: Je eine Dose Erbsen, Mais und Rotkohl, die es im Supermarkt genau so in Dreier-Sets abgepackt gibt und die kalt gegessen überall dazu gehören.
Natürlich musste ich auch den berühmt berüchtigten Harðfiskur (Trockenfisch) probieren, den man entweder mag oder entsetzlich findet – ich mochte ihn

Vor oder nach dem Essen, zwischen den Ausritten und/oder Ausflügen bot Egilsstaðir1 genügend Möglichkeiten zum relaxen: Sonnenbaden im Liegestuhl auf dem Innenhof oder auf der Wiese hinter dem Haus, lesen im Garten-Pavillon, ein Spaziergang zum Fluss oder abends auch schon mal ein Island-Pferde-Video auf der Couch. Ausserdem konnte Óli mit diversen isländischen Sagen und Geschichten, teilweise recht gruseliger Natur, und Erzählungen über Geschichte und Sehenswürdigkeiten dienen. Auch über ein Pferd das den gleichen Namenwie mein Isländer Gandur trägt, gab es eine Geschichte zu erzählen.

Ja, die Sehenswürdigkeiten! Zum Programm von Egilsstaðir1 gehört wie eingangs erwähnt auch ein Ausflugsprogramm. Auch dies war wie alles in diesem Urlaub sehr gelungen und vielseitig und brachte einem Island näher.
Der erste Ausflug führte entlang des sogenannten goldenen Zirkels, der die schönsten Ziele in Süd-Island umfasst. Erste Station war der berühmte Wasserfall Gullfoss. Wir hatten Glück und hatten den Wasserfall eine Weile ganz für uns alleine, bevor die nächste Bus-Reisegruppe ihn „heimsuchte“. Gullfoss ist ein absolut beeindruckendes Naturerlebnis, dem kein Foto gerecht werden kann. Die sprühende Gischt und das Getöse des Wassers gehören einfach zum Gesamterlebnis dazu!
Nächster Haltepunkt war die Springquelle Geysir im Habichtstal, die allen anderen Springquellen ihren Namen gegeben hat. Auf dem Gelände um Geysir liegen zahlreiche heiße Teiche oder Becken und über allem liegen die Schwaden des heißen Dampfes und der allgegenwärtige Schwefelgeruch. Der kleine Bruder Geysir’s „Strokkur“ springt im Gegensatz zu seinem Namensgeber noch regelmässig alle fünf bis acht Minuten, so dass auch wir in den Genuss des Anblicks kamen. Es war faszinierend zu beobachten, wie das gerade noch ruhig daliegende Wasser auf einmal anfängt leise zu brodeln, anschliessend durch eine Öffnung im Boden des Beckens verschwindet als würde es eingesaugt, dann ein Moment absoluter Stille und plötzlich der Ausbruch der Wassermassen in einer Säule von bis zu 20m Höhe.
Weiter ging es nach Þingvellir, dem historischen Versammlungsplatz des isländischen Alþing, der Volksversammlung, die zwischen 930 und 1798 dort zusammentraf. Der Ort bildet eine Art natürlicher Arena und man kann sich bildlich vorstellen, wei dort in alten Zeiten die Versammlungen abgehalten wurden. Der Versammlungsplatz sowie der See Þingvallavatn gehören zum Gebiet des
Nationalparks Þingvellir. In dieser wunderschönen und teilweise unwirklichen Landschaft des Nationalparks, in der man sich in einer anderen Welt glaubt, kann man das Wesen Islands spüren und erleben. Die Anwesenheit von Elfen, Trollen und Geistern, an deren Existenz auch heute noch viele Isländer glauben, wird hier fast greifbar und man kann ohne weiteres verstehen, wie so viele Sagen und Geschichten um das Land und seine Bewohner entstanden sind. Eine Landschaft, die einen gefangen nimmt, wenn man sie auf sich wirken lässt und einen mit ihrer Faszination nicht mehr loslässt ....

Natürlich gehörte auch ein Ausflug nach Reykjavik mit seinen vielen kleinen Strassen und Gassen dazu. Hier besichtigten wir u.a. die Hallgrímskirkja, das Wahrzeichen der Stadt, erbaut von 1945-86. Vom 73 m hohen Turm der Kirche hat man die beste Aussicht über Stadt und Meer. Vor dem Portal steht die Statue von Leifur Eiríksson, der im Jahre 1000 Amerika entdeckte. Ausserdem nutzte ich die Gelegenheit zu einem Besuch im sehr interessanten Saga-Museum. Hier begegnet man Persönlichkeiten und Ereignissen historischer Zeit von der Besiedlung bis zur Reformation im 16. Jahrhundert. Personen wie Íngólfur Arnason oder Leifur Eiríksson werden in lebensechten Figuren dargestellt und ein Audio-Guide auf einem portablen-CD-Player begleitet den Besucher durch das Museum. Neben dem Museum ist auch das Gebäude mit dem Namen Perlan (Perle) in dem es sich befindet recht interessant. Es handelt sich hierbei nämlich eigentlich um ein Wasserwerk, das sich durch seine Architektur und seine vielseitige Verwendung auszeichnet.
Von Reykjavik aus startete auch unsere
Whale-Watching-Tour, bei der wir bei gutem Wetter tatsächlich mehrere Mink-Wale, Delphine sowie diverse Vogelarten, vor allem sehr viele Papageientaucher zu sehen bekamen.

Ein weiterer Ausflug führte entlang der Südküste und zu den malerischen Fischer-Orten Eyrarbakki und Stokkseyrí. Auch dort kann man sich die isländische Geschichte und Kultur z.B. im liebevoll gestalteten Heimatmuseum näher bringen lassen. Übrigens kamen wir auf dieser Tour etwas ausserhalb von Eyrarbakki auch am isländischen Staatsgefängnis vorbei. :-))

Ein Besuch in einem der vielen isländischen Schwimmbäder unter freiem Himmel mit HotTub, der aus unterirdischen heissen Quellen gespeist wird, durfte natürlich auch nicht fehlen und bildete für Lea und mich den gemütlichen und entspannten Ausklang eines der vielen ereignisreichen Tage.
Ausserdem konnte ich ein weiteres Mal die Gastfreundlichkeit der Isländer erleben, als wir die Farm eines Nachbarn besuchten, der einen der modernsten Milchviehbetriebe Island’s führt. Mir waren nämlich die vielen bunten Kühe auf seinen Weiden aufgefallen, die an Farbvielfalt fast den Pferden gleichkamen und mit den gewohnten Bildern unserer Kuhweiden nicht zu vergleichen waren. Aus meinem Wunsch, einfach mal auf die Weiden zu dürfen um zu fotografieren, wurde eine ausführliche Führung durch den Betrieb mit allen höchst interessanten Details. Computergesteuerte High-Tech gepaart mit artgerechter Extensiv-Haltung - super interessant und absolut konkurrenzfähig mit modernen Betrieben, die ich hier aus Deutschland kenne, alles präsentiert mit dem berechtigten (!) Stolz des Besitzers.

Nach all diesen vielen Unternehmungen, Erlebnissen und Eindrücken war leider viel zu schnell der letzte Abend meines Urlaubs angebrochen. Ein letzter Ausritt verbunden mit einem spontanen Besuch auf der Nachbarfarm, wo wir Kaffee und Schokolade ans Pferd gereicht bekamen, Rückkehr zur Farm gegen Mitternacht (man vergisst hier wegen der fehlenden nächtlichen Dunkelheit immer, wie spät es eigentlich schon ist) und dann hiess es packen, noch ein paar Stunden schlafen und schon wieder zum Flughafen, wo ich eigentlich gerade erst abgeholt worden war.
Der Abschied fiel mir wirklich richtig schwer und ich werde ganz sicher in nicht allzu ferner Zukunft mal wieder nach Island und zu den zwei- und vierbeinigen Bewohnern von Egilsstaðir1 zurückkehren!!!

Fazit: Ein rundum gelungener und wirklich unvergesslicher Urlaub mit sehr netten Menschen und tollen Pferden in einem einfach nur faszinierenden Land - eben hundertprozentig süchtigmachend!

Bless, bless .....